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Der Winter steht vor der Tür - Mit gut gepflegten Steigfellen auf die Tour

Brunner Andreas 03.11.2019

Der Winter steht vor der Tür - Mit gut gepflegten Steigfellen auf die Tour

Ganz anders als Tourenski, Bindungen und Skischuhen, über die häufig leidenschaftlich gefachsimpelt wird, führt das Steigfell ein Schattendasein. Dabei bestehen Skitouren nicht nur aus Abfahrten, sondern vor allem aus Aufstiegen. Und die fallen mit einem guten, exakt zum Ski passenden Steigfell deutlich leichter: Sobald man beim Aufstieg auch nur ansatzweise nach hinten rutscht, stellen sich die unzähligen, zum Skiende zeigenden Härchen des Fells auf, krallen sich in den Untergrund und stoppen das Rückwärtsgleiten. Wie gut ihm das gelingt, hängt von vielen Faktoren ab.

Vor allem vom richtigen Mass: Das Steigfell muss den Ski komplett abdecken, die Stahlkanten aber frei lassen. Ansonsten leidet der Seitenhalt der Tourenski, was Traversen erschwert, ja sogar unmöglich machen kann. Auf Nummer sicher geht, wer seine Steigfelle passend zusammen mit den Skiern kauft. Wer das versäumt hat oder einfach gern selbst Hand anlegt, wählt sogenannte Zuschneidfelle und passt sie mit Hilfe eines scharfen Cutters an seine Ski an. Fragt sich nur:

Welches Steigfell nehmen? Eines aus Synthetik oder eines aus Mohair?

Das Steigfell der Angoraziege bietet mit seinen extrem dünnen Haaren die beste Gleit- sowie Haftperformance. Die Härchen sind nicht nur sehr dünn, sondern auch hohl, was ihre Geschmeidigkeit selbst bei knisternder Kälte erklärt. Dafür können sie in puncto Haltbarkeit nicht mit der Polyestervariante mithalten, weshalb sich Mixfelle aus Mohair und Synthethik als guter Kompromiss empfehlen.

Auch bei der zum Ski zeigenden Seite muss man sich entscheiden: zwischen herkömmlicher Klebschicht oder neuer, allein auf Molekularkraft basierender Adhäsivtechnik. Diese lässt sich leichter vom Ski lösen, ausserdem können die Adhäsivfelle für Transport und Lagerung aufeinander geklebt werden – ohne die sonst oft fummelige Zwischenfolie. Vor allem auf Skitouren mit vielen Aufstiegen und Abfahrten sind Molekularkraft-Felle erste Wahl. Zusätzlich haben Felle entweder Haken, Clips oder Bügel, die man je nach Marke vorne und hinten an die Ski klemmt. Dann rutscht weder das Fell vom Ski noch der Fahrer vom Hang. Und das allein zählt ja.

 

Die wichtigsten Fragen zum Steigfell im Überblick:

1. Wie breit muss das Steigfell sein?

Die Steigfelle sollten besonders im mittleren Skibereich gut passen und den Belag nahezu ganz bedecken. Die Skikante muss frei bleiben. Als Faustregel gilt: Mittenbreite des Ski minus 4–5 Millimeter. Im Schaufelbereich und am Skiende kann der Abstand grösser sein. Jedoch nicht mehr als 10 Millimeter. Entsprechend taillierte Steigfell gibt es im Fachhandel, oder man greift auf ein individuell anpassbares Zuschneidfell zurück. Alternative für breite Freeride-Ski: Splitfelle, deren Fellstreifen man an der Kante entlang aufklebt.

2. Welches Fellmaterial?

Tourenfelle gibt es in unterschiedlichen Qualitäten. Die Top-Ausführungen sind aus dem Haar der Bergziege (Mohair) gefertigt. Dieses Material bietet beim Gehen beste Gleiteigenschaften. Deutlich günstiger und haltbarer sind Steigfell aus Synthetik.

3. Die beste Fellbefestigung?

Das ist jene, die am besten an Skispitze und -ende passt. Zunehmend entwickeln die Skihersteller auch spezielle Fellhaltungen.

4. Wie klebt mein Steigfell sicher?

Hier die wichtigsten Regeln: Felle nie ohne Schutzfolie zusammenlegen, nicht auf der Heizung trocknen und sauber halten. Hinweis: Tourenski nicht mit Fluorwax präparieren, das schwächt die Klebekraft.

5. Was muss ich bei der Fellpflege beachten?

Grip behalten: Ein nasses Fell stollt auf, gleitet schlecht und vereist rasch. Deshalb nie durch Bachläufe oder Wasserlachen fahren. Entweder umfahren oder die Ski hinübertragen.

Trocken halten: Trocknen Sie Felle bei jeder Gelegenheit und spätestens gründlich nach jeder Tour. Und zwar immer bei Raumtemperatur und nie auf oder direkt neben der Heizung.

Übersommern: Am Ende der Saison die Steigfelle säubern und trocknen und auf die mitgelieferte Zwischenfolie kleben.

Imprägnieren: Wenn die Imprägnierung der Steigfelle nachlässt, bilden sich darunter vermehrt Schneeklumpen. Dieses Aufstollen verhindert, wer seine Felle rechtzeitig nachimprägniert.

Erneuern: Lösen sich Felle öfter vom Ski, sollte man den alten Kleber entfernen und einen neuen auftragen.

6. Fellränder pflegen und korrekt versiegeln

Während die Ränder neuer Felle versiegelt sind und damit nicht ausfransen, ändert sich dies im Laufe vieler Touren. Fellränder werden durch lange Querungen oder durch einen schneearmen, felsigen Untergrund stark beansprucht. Hier empfiehlt es sich, die abstehenden Fransen mit einer Nagelschere zu entfernen und vorsichtig – mit ausreichend Abstand zur Fellseite – mit einem Feuerzeug auf kleiner Flamme neu zu versiegeln.

Tipp: Um zu verhindern, dass die Klebeschicht Schaden nimmt, versiegelt man immer von der Fellseite aus.

7. Notfalltipps: Was tun, wenn das Fell während der Tour versagt?

Im Folgenden sind Notfallszenarien aufgelistet, die während einer Tour auftreten können:

Verlust der Gleitfähigkeit / Aufstollen: Sicherlich das häufigste Problem, aber bis zu einem gewissen Grad gut behebbar. In einer Tourengruppe sollte zumindest einer Skiwachs im Rucksack haben, das man notfallmässig auch als Imprägnierwachs auf die Felle auftragen kann. Idealerweise hat jemand (oder man selbst?) eine kleine Dose Imprägnierspray dabei.

Verlust der Klebefähigkeit: Sicherlich ein sehr unangenehmes Problem, da sich unterwegs die Klebefläche nicht erneuern lässt. In einem ersten Schritt kann man Schnee und Eis von Ski und Klebefläche entfernen. Hilft dies nicht, gibt es zumindest für einige Klebefelle „Notfallkleber“ für unterwegs. Auch hier lohnt es sich in grösseren Gruppen, wenn ein Mitglied etwas Hilfreiches im Rucksack hat. Reissen alle Stricke, hilft nur ein kreativer Bastelversuch mit Tape, einem Kabelbinder oder auch einer Kordel. Dann leidet zwar die Performance deutlich, aber als Behelfslösung ist das durchaus machbar.

Defekter Befestigungsmechanismus: Ebenfalls ein eher unangenehmes Problem, weil sich häufig keine wirklich zufriedenstellende Lösung finden lässt. Meist kommt man zumindest notfallmässig mit einem oder zwei Kabelbindern weiter. Daher habe ich in meinem Tourenrucksack stets zwei oder drei Kabelbinder dabei. Bei längeren Touren (z.B. Skitourenwoche, Durchquerungen) ist es unter Umständen sinnvoll, einmal pro Gruppe einen Universal-Befestigungsmechanismus mitzunehmen, der auf die meisten Skimodelle passt.

Daher notfallmässig immer mitnehmen:

  • Wachs (für Ski und Fell) oder auch Imprägniersprays
  • zwei oder drei grössere Kabelbinder als Notfallhelfer
  • bei längeren Touren unter Umständen Universal-Fell-Clip zur Fixierung des Fells